Reviews

Rolf Thomas, Jazz thing 152, 2025:

„Ein Quartett der Superlative, eine Band der Berliner Bandleaderinnen: Die deutsche Bassistin Maike Hilbig, die spanische Schlagzeugerin Lucía Martínez, die kanadische Trompeterin Lina Allemano und – allen voran – die belgische Vibrafonistin Els Vandeweyer haben sich zu Dead Leaf Butterfly vereinigt und eins der aufregendsten Alben des noch jungen Jahres aufgenommen. Vandeweyer, die gerne mal leere Actimel-Fläschchen und Coladosen auf ihr Instrument streut, um den Klang zu modifizieren, ist für zwei der stärksten Kompositionen auf dem Album verantwortlich. Im aggressiven „Do You Never Think Of Me, No?“ schwingt vieles zwischen tranceartigen Rhythmen und Art Blakeys „Blues March“ mit, in der Ballade „Déjà-Vu“ wird die vermeintliche Elektronik zu Beginn von Allemano erzeugt, die in ihre Trompete pustet. Stücke beigesteuert haben aber alle vier Musikerinnen; und die mit ihrem Instrument verwachsene Maike Hilbig bekennt in einem davon „I Was Wrong“ – kann ich mir nicht vorstellen!“

Wolf Kampmann im Jazzthing Nov/Dez 2019:

„Bassistin Maike Hilbig weiß wie kaum eine andere die Freiheit und Kompromisslosigkeit des Free Jazz mit der unterhaltsamen Verbindlichkeit ganz alltäglicher Lebenserfahrung zu verbinden. Diese Qualität stellt sie in ihrer neuen Band Vorwärts/Rückwärts gemeinsam mit Posaunist Gerhard Gschlößl und Cellist Johannes Fink auf der CD „Rewarding Environment“ (Trouble in The East Records) unter Beweis. Die Songs des Trios sind von einer warmen Klanganmutung, deren knackige Kurzweiligkeit streckenweise an den Jazz der 1920er- und 1930-Jahre erinnert, ohne auf deren Versatzstücke zurückzugreifen. Dasselbe lässt sich von „Matsch und Schnee“ (Trouble in The East Records) sagen, einer Duo-CD mit Saxofonistin Silke Eberhard. Es ist nicht dieses selbstverliebte Wir-unter-uns-Ding vieler ihrer männlichen Kollegen. Mit verstiegener Inbrunst und explosiver Leidenschaft, aber auch mit leichtfüßigem Frohsinn und Lust am Quatschen improvisieren sich die beiden Exponentinnen der Berliner Free-Jazz-Szene durch zehn wundervolle Songs.“

Freistil schreibt (2019):

Moderne europäische Improvisationsmusik, zweimal mit Maike Hilbig am Kontrabass. Das ist klug arrangiert, fein gespielt und mit dem außergewöhnlichen Instrumentarium stets interessant und spannend. Posaune und Cello geben immer wieder die Richtung in einem Stück vor. Die beweglichen Basslinien umschmeicheln das Konstrukt. Da gibt es viel zu hören, einiges zu staunen und immer wieder innezuhalten, bei überraschenden Wendungen und besonderen Lösungen (aus dem Dickicht der komplexen Verästelungen). Wenn dann plötzlich die Posaune den Bass umspielt, ist man längst nicht mehr überrascht, sondern freut sich einfach ob der entspannten, gut aufgenommenen Töne, die aus den Lautsprechern kommen. Wie schon im überzeugenden Vorgänger (Vorwärts, 2014) gelingt es den drei Musikern auch diesmal bei allen Stücken (lauter Eigenkompositionen) zu überzeugen. Der Damenzweier aus dem selben Stall (Trouble in the East) ist eine kammermusikalische Kostbarkeit. Voller Delikatesse, mit ausgesuchtem Raffinement einer strukturierten Ästhetik, die ihresgleichen sucht. Mit sparsamen Mitteln werden Stimmungen erzeugt, Geschichten erzählt. Da hat man nie das Gefühl mit Tönen zugemüllt zu werden, sondern kann die luftige Kargheit des Duospiels genießen. Das Miteinander verschwindet dabei manchmal, und das macht gar nichts, aus allen Umwegen entstehen doch wieder gemeinsame Lösungen. Auch die nächste Tür kann manchmal die richtige sein, wie sich dabei herausstellt. Saxofon und Kontrabass als kluge Gefährten auf dem Weg zum gelungenen Abend. Wunderbar. Bitte weitersagen! (ernst)

Rigobert Dittmann (Bad Alchemy, März 2018):

VORWÄRTS/RÜCKWÄRTS ist da, Vorwärts (TITE-Rec 002) zeigt das, ganz anders gepolt. Gschlößl hat, wie auch bei Vierergruppe Gschlößl, Ammoniaphone, Gulf Of Berlin und Der Moment, Johannes Fink an der Seite. Der Erlanger spielt ansonsten mit Daniel Erdmann, Eric Schaefer + Demontage oder der Rolf Kühn Unit Bass, hier aber etwas fingerspitzer Cello. Der Bass ist in den guten Händen von Maike Hilbig, die sich seit 2012 mit Silke Eberhard als Matsch & Schnee einen Namen macht. Zu Anfang fallen sie gekonnt ganz aus der Zeit mit gießkannenbluesigem, stringpikatem Downtempo-Swing. Das ist retro und auch wieder nicht, wie auch der folgende ‚Schönefeld Tegel‘-Groove, weil die altbekannten Phrasen ganz tongue-in- cheek aufgegriffen und aufs süße Brot geschmiert werden. Klingen sie da, hm, früher hätte man ‚kess‘ dazu gesagt, so quakt und schlabbert Gschlößl gleich wieder wie in den Zeiten, als man totgekauten Kautabak in Spucknäpfe flatschte. Das Cello summt um Bienenstöcke und Soft Drinks, Hilbig lässt die Finger singen, blecherne Percussion geht wohl auf Gschlößls Kappe. Der Stoff ist nicht nur abgehangen, er ist auch fein und fast zum Mitsummen auskomponiert. Fink ist, selbst pizzicato, nicht weniger sanglich als die melodienselige Posaune. Die Töne tanzen Hand in Hand, auch wenn drunter die Füße wirbeln und Wechselschritte einlegen. Lieber noch räkeln die drei sich samtig und träumerisch, aber gegen allzuviel Kuschelei setzt Gschlößl einen komisch zirpenden oder breitmaul- froschigen V-Effekt. Es klingt, als wäre der Schah nie auf Berlin-Besuch gewesen, ja als hätte es doch eine ganz andere Zeit gegeben, weil das 1000jährige Reich nie stattgefunden hat. Es endet mit einem wehmütigen Tango mit wieder komischen Störungen. Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück? Das wahre Wesen der Nostalgie ist die Trauer über nie genutzte Möglichkeiten.

Kurt Gottschalk, THE NEW YORK CITY JAZZ RECORD, Juni 2020:

One of the highpoints in saxophonist Silke Eberhard’s discography is a set of duets with pianist Aki Takase titled Ornette Coleman Anthology. It’s also one of the earliest releases under her name, but this is no backhanded compliment. There are other high points, of course, this is just a useful one. In 32 Coleman compositions (across two compact discs), Eberhard and Takase find something that’s often missed out by his interpreters, that being the sheer joy often present in his music. True, his tunes can be like sharp-edged jigsaw puzzles, but more often than not there’s also a lightness, an ebullience uncommon in the avant garde.Whether Eberhard learned that from the master or it’s just in her blood, Matsch und Schnee offers a similar sort of effervescence. There’s no Coleman in the program—the compositions come from Eberhard and her duet partner, bassist Maike Hilbig—but there’s a bounce, a teasing of unison lines and a flexibility of time and, most importantly, a songfulness that brings Coleman readily and repeatedly to mind.

Hilbig’s discography is about as spare as was Eberhard was when she made that first record with Takase 11 years ago, but on the strength of her compositions here (and she provided six of the 10) there’ll be plenty to listen for in her future. (Her releases with the trio Vorwärts/Rückwärts can be streamed in full on the Trouble in the East Bandcamp page, as can Matsch und Schnee.) Her “Cremant” stands out, moving with ease between a Burt-Bacharach-on- codeine theme, concise extrapolations and extended tones and overtones, with generous solo space given to her partner, in under six minutes.Among Eberhard’s contributions is the spritely opener “25618”, which could be a count for the twisting lines or a coded composition date (the album was recorded in August of 2018) but whatever it means, it tickles the mind and makes promises the album delivers. Eberhard (who in August will receive the 2020 Berlin Jazz Prize) is really too smart a player to be overlooked. Her past projects have also included ventures into the Eric Dolphy and Charles Mingus catalogues, but she is by no means a traditionalist or revisionist. She is a knowledgeable musician, informed enough to make listening a joy.